Dialog: ein neues Paradigma für Organisation und Führung | Das dialogische Prinzip

Updated: May 11, 2018

Dieser Artikel ist der erste Teil einer Serie zu dialogischen Kultur in Unternehmen und erscheint zeitgleich auf Medium (Englisch).


1. Was ist Dialog?


Die praktische Betrachtung


Das Wort Dialog bedeutet Zwiegespräch oder Wechselrede und beschreibt eine Form der Unterredung von zwei oder mehreren Personen. (1)


Dialog ist aber nicht nur die Beschreibung einer Kommunikationsform, die sich vom Monolog oder Diskussion abgrenzt und mehrere Gesprächspartner voraussetzt, sondern drückt eine Haltung aus, in der die Gesprächspartner sich in Rede und Gegenrede bewusst einander zuwenden. Haltung beschreibt in diesem Zusammenhang die innere Einstellung, die das Denken und Handeln eines Menschen prägt.


Es ist persönliche Erfahrung, dass Menschen Wahrnehmungen unterschiedlich bewerten, einordnen und filtern. Das geschieht unbewusst und ist bestimmt durch Konditionierungen, Erfahrungen, Überzeugungen. Wir haben gewissermaßen unterschiedliche Brillen auf, durch die wir auf die Welt blicken. Was wir sehen (oder riechen, hören, schmecken, empfinden), halten wir für 'richtig' oder die 'Wahrheit', jedoch sind unsere Deutungen bereits durch Filter gelaufen.


Wahrnehmung und Interpretation scheinen in einem Vorgang stattzufinden, sind aber zwei voneinander getrennte geistige Vorgänge. Mir gegenüber sehe ich eine männliche Person mit verschränkten Armen und etwas geneigtem Kopf. Ich interpretiere diese Haltung als ablehnend oder spöttisch (negativ) - oder als konzentriert und mir zugewandt (positiv). Es hängt davon ab, mit welchen Erfahrungen ich diese Körperhaltung unbewusst verknüpfe. Und abhängig davon werde ich reagieren und mich dieser Person gegenüber weiterhin verhalten: in Abwehr, Mißtrauen oder in freundlicher Offenheit.


Erinnern Sie sich an ihr letztes Meeting? Unabhängig davon, wie diese Gespräch verlief: waren Sie sich bewusst, dass alle Wahrnehmungen - jeder Satz, jede Geste, jeder Gesichtsausdruck - durch Ihre unbewussten Filter gelaufen sind? Wahrscheinlich nicht. Vielleicht waren Sie danach überrascht, dass mancher Satz eine heftige emotionale Reaktion in Ihnen oder anderen hervorgerufen hat. Die zugrunde liegende Interpretation bleibt jedoch meistens unbewusst und verborgen.


In dieser Art des Gesprächs arbeiten sich die Gesprächspartner oft am Trennenden ab. Sie versuchen, die Welt-Deutung zu verteidigen, die sie für die wahre halten. Sie argumentieren, überzeugen, verführen oder streiten. Diese Art des Gesprächs ist schnell. Und kein Dialog.


Um Dialog zu ermöglichen, werden sich die Gesprächspartner ihrer subjektiven Wahrnehmungen und Interpretationen bewusst (konstruierte Wirklichkeiten), können sich davon lösen, reduzieren das Tempo, kultivieren das Zuhören und beginnen etwas, was William Isaacs (2) als „gemeinsames Denken“ beschrieben hat.


Dialog findet somit statt, wenn Menschen u.a.


  • sich mit dem Willen begegnen, einander zu verstehen

  • sich gegenseitig vertraut machen mit ihrer Wirklichkeit und anerkennen, dass es Widersprüche gibt

  • sich bewusst sind, dass sie Realität unterschiedlich interpretieren und sich verschiedene Welten geschaffen haben

  • das Gespräch als das Forschen nach dem Neuen und das Entdecken des Gemeinsamen betrachten, nicht als den wechselseitig geführten Gegenbeweis, als Verteidigungsrede, als Abgrenzung oder Ablehnung


Im Dialog stellen fremde Perspektiven - oder Wirklichkeiten - keine Gefahr für die eigene Wirklichkeit dar, sondern erweitern diese und werden begrüßt.


Sie sind das Wesen des Dialogs, denn gemeinsam entsteht das größere Bild, nach dem die Gesprächspartner suchen.


Damit ist Dialog universell und nicht an einen konkreten Kontext gebunden. Er kann in allen Bereichen der Gesellschaft, Wirtschaft, Politik oder Kultur stattfinden. Die einzige Voraussetzung sind die oben genannten.


Als ich Dialog kennenlernte, wurde mir langsam bewusst, dass ich ihn nie erlernt hatte. In Schulen, Universitäten oder Unternehmen steht er nicht im Vordergrund. Überall wird viel kommuniziert, es wird Diskussions- und Debattenkultur gelobt, aber ein Dialog findet nicht statt.


Jenseits von Gut und Böse ist ein Ort. Dort begegnen wir uns. (Rumi)

Die philosophische Betrachtung


Ich habe bereits beschrieben, das 'Dialog' mehr ist als nur ein Gespräch zwischen Menschen. Der Religionsphilosoph Martin Buber untersucht in seinem Werk das dialogische Prinzip und nähert sich ihm in der Beschreibung von Grundworten:


"Die Haltung des Menschen ist zwiefältig nach der Zwiefalt der Grundworte, die er sprechen kann.

Die Grundworte sind nicht Einzelworte, sondern Wortpaare.

Das eine Grundwort ist das Wortpaar Ich-Du.

Das andere Grundwort ist das Wortpaar Ich-Es; wobei, ohne Änderung des Grundwortes, für Es auch eins der Worte Er oder Sie eintreten kann." (3)


In diesen Grundworten unterscheidet er zwei grundsätzliche und sich einander ausschließende Qualitäten der Begegnung: dem Ich-Du - dem dialogischen - stellt er das Ich-Es gegenüber.


Beim Ich-Es öffnet sich der Raum des Dialogs nicht. Der Mensch mir gegenüber bleibt ein Objekt und ich stelle ihn nicht zu mir in Beziehung. Es mag ein lebendiges, freundschaftliches, ehrliches und offenes Gespräch entstehen, doch mein Ich ist so begrenzt, das es die Grenze des Du nicht berührt. Es war dies ein so gewöhnlicher Zustand, dass er mir nicht einmal bewusst war.


Erst in meiner Ausbildung zur Gestalt-Therapie, einer Form der angewandten humanistischen Psychologie, lernte ich das dialogische Prinzip kennen. Die Begründer der Gestalttherapie Laura und Fritz Perls bezogen sich u.a. auf Martin Buber und leiteten aus seiner Arbeit die Haltung ab, in welcher der Therapeut dem Klienten begegnen möge. Ohne Konzept, ohne Plan, ganz präsent und geöffnet, im gegenwärtigen Augenblick.


Während des Dialogs ist meine Achtsamkeit nicht ausschließlich auf den Mensch gegenüber gerichtet, sondern schließt auch mich mit ein. Das bedeutet: ich wende mich dir UND mir zu. Dialog ist also die bewusste Integration von Ich und Du - und des gemeinsamen Raumes, in dem die Begegnung stattfindet. In dieser Begegnung wird der Mensch gegenüber einzigartig und erkennt meine Einzigartigkeit an. Ich selbst werde zur Person, die "erscheint, indem sie zu andern Personen in Beziehung tritt." (Buber) Oder in prägnanter Kürze:


Der Mensch wird am DU zum ICH (Martin Buber)

Das muss geübt werden, aber es setzt neues Potential frei: im Dialog werden nicht nur Argumente, also Inhalte auf kognitiver Ebene, ausgetauscht, sondern auch Resonanzen mitgeteilt. Im Dialog hat es einen Platz, mit welcher Empfindung oder Emotion ich auf Gehörtes reagiere. Jedes Kommunikationsereignis ist eine Reaktion auf das Kommunikationsereignis zuvor (4). Das bedeutet, wir reagieren unaufhörlich aufeinander. Kompliziert? Versuchen Sie das nicht mit dem Geist zu verstehen. Betrachten Sie für einen Moment, welche Resonanz das in Ihnen erzeugt.


Dialog ist kostbar, aber selten. Er mag kultiviert werden, dann kommt er öfter. Trotzdem, und hier schließe ich wie am Ende meiner praktischen Erläuterung: in unseren traditionellen Institutionen haben wir den Dialog nicht kultiviert.


Zusammenfassung:


Der Dialog setzt zwei Dinge voraus. Erstens einen Rahmen, in dem sich die Kommunizierenden ihrer konstruierten Wirklichkeiten bewusst sind und eine Form entwickeln, um mit diesen fruchtbar umzugehen. Zweitens der Wille zu einem Ich-Du Kontakt, welcher in Präsenz entsteht und in welchem die Resonanz aufeinander selbst zum Teil des Austausches wird.


2. Dialog in Organisationen


Damit eine Organisation funktionieren kann, müssen formale und informelle Prozesse des Informationsaustausches (communication) und der Zusammenarbeit (collaboration) gewahrt werden. Ob Einzelgespräche, Meetings oder Tagungen - überall begegnen sich Menschen, tauschen Informationen aus und arbeiten zusammen.


Doch auch hier gilt: die Kommunikation einer Gruppe von Menschen führt nicht automatisch zum Dialog. Dieser gelingt erst, wenn die Rahmenbedingungen dafür bewusst geschaffen werden, wenn das Dialogische Prinzip zu einen neuen Prinzip auch in der Führung wird und Führungskräfte sich auf die bereits oben erwähnten Bedingungen beziehen. Das Ziel dieser Führung ist eine Kultur, in der gemeinsam gedacht wird.


Ein weiterer wichtiger Zweck der Kommunikation in Unternehmen ist es, Status zu markieren:


Es darf nicht jeder mit jedem sprechen.

Es darf nicht jeder über die gleichen Dinge sprechen.


Das scheint Ihnen absurd? Wenn Kommunikationsereignisse in uns Resonanz erzeugen, wir aber - durch Status, Rolle oder kulturelle Tabus - daran gehindert werden, diese Resonanzen konstruktiv einzusetzen, dann werden wir daran gehindert, unser Potential zu entfalten.


Wieviele Ideen werden nicht ausgesprochen? Wieviele Lösungen für Konflikte oder Probleme werden nicht genützt? Wieviel Kraft bleibt durch Statusspiele blockiert?


Stellen Sie sich nun eine Kultur vor, in der Menschen sich bewusst einander zuwenden. In der Führungskräfte in der Lage sind, ihre Statusspiele zu entlarven, ihre Persönlichkeit zu entwickeln und ihre Rolle neu zu entwerfen. Eine Kultur, in der das Neue im Dialog entsteht, in der alle Menschen eingeladen sind, ihr Potential zu entfalten. Das dialogische Prinzip in seiner praktischen als auch philosophischen Betrachtung - und vor allem in der Erfahrung - wird zum Bezugspunkt einer neue Kultur in Führung und Organisation.


Das dialogische Prinzip und die daraus entwickelte dialogische Führung sind nicht nur ein Führungsstil, sondern beschreiben eine Haltung, in der Menschen anderen Menschen auf eine authentische, frische, lebendige und ganzheitliche Art begegnen. Es schafft die Grundlage für ein neues Paradigma in einer dynamischen, unsicheren und komplexen Umwelt.

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In dieser Serie schreibe ich über das dialogische Prinzip in Führung und Organisation und warum dialogische Führung besonders in der dynamischen, komplexen und unsicheren Welt große Hilfe bietet. Im nächsten Artikel erläutere ich, welche Chancen dialogische Führung Unternehmen konkret bieten kann und warum Dialog Organisationen agiler macht.


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Quellen

1 Duden online

2 William Isaacs, "Die Kunst gemeinsam zu denken", 2002

3 Martin Buber, "Ich und Du", 1923

4 Paul Watzlawick, "Menschliche Kommunikation", 1996






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