Zen oder Wie neue Kompetenzen in der digitalisierten Welt entstehen

Am Rand meines Gartens stand bis vor kurzem eine Tanne, die dem Garten Licht genommen hat. Um die Tanne herum wuchs praktisch nichts mehr außer Moos. Nachdem ich die Tanne gefällt hatte, blühte der Garten plötzlich auf: Blumen und Wiese sind gewachsen, es wurde wieder grün. Ich habe dem Garten nicht befohlen, grün zu werden - ich habe lediglich die Rahmenbedingungen verändert.


Rahmenbedingungen für neue Kompetenzen


Es ist viel von Digitalisierung, mehr Agilität und neuen Organisationsformen die Rede. Doch sind Mitarbeiter und Organisationen überhaupt mit den notwendigen Kompetenzen ausgestattet, um diesen Anforderungen zu begegnen? Welche Fähigkeiten und Kompetenzen brauchen Mitarbeiter in der Zukunft? Dazu passt die Studie ‘HR Future Trends 2016’, die kürzlich von der Agentur ohne Namen veröffentlicht wurde.

In der Liste der Kompetenzen, welche am meisten an Bedeutung gewinnen werden, findet man praktisch nur solche, die nicht ‘eingefordert’ werden können. “Müller, seien Sie mal kreativ!” Das funktioniert nicht. “Susanne, du must geistig flexibler werden!” auch nicht. Das bleiben Direktiven, die auf einem traditionellen Führungsverständnis beruhen und keine Wirkung haben. Wie entstehen diese Kompetenzen?


Wer nach langer Zeit wieder Sport treibt, der kann am nächsten Tag Muskelkater erwarten. Oft an Stellen, an denen er/sie keine Muskeln vermutet hat. Das Potential ‘Kraft’ war also schon da, nur wurde der Muskel nicht angeregt. Ähnlich verhält es sich mit neuen Kompetenzen: das Potential ist schon da - in ihrem Unternehmen, im System, in jedem Mitarbeiter. Das bisherige Rollenverständnis jedoch hindert Menschen daran, ihre Potentiale zu entfalten. Diese Kompetenzen bekommen Sie geschenkt, wenn…


Gehen Sie davon aus, dass in ihrem Unternehmens-System ungeahnte (und nicht abgerufene) Potentiale und Ressourcen schlummern. Diese entfalten sich aber nicht auf das Kommando “Müller, seien Sie kreativ!”, sondern brauchen neue Rahmenbedingungen. Ich spreche nicht von einem neuen Prozess, einer neuen Software oder mehr Leuten, ich spreche von Sinn, Werten und Kultur.


Menschen entfalten ihr Potential und entwickeln neue Kompetenzen, wenn die Bedingungen dafür geschaffen werden. Dies ist möglich, wenn Unternehmen den Sinn ihres Tuns (das WHY) kennen, teilen und leben. Es ist möglich, wenn Führung nicht mehr über ein Wissensgefälle und Macht definiert wird, sondern über Kontakt und Beziehungen. Es ist möglich, wenn Vertrauen die Basis ist, wenn Intuition ernst genommen wird, wenn ‘Labore’ bestehen und neues Verhalten ausprobiert werden kann. Es ist möglich, wenn Menschen nicht mehr in traditionelle, eng geschnittene Jobprofile gezwungen werden, sondern die notwendigen Aufgaben selbst finden und das Notwendige tun dürfen.


Der erste Schritt


Im Zen wird eine innere Haltung geübt, die ‘Anfängergeist’ genannt wird: das Nicht-Wissen wird akzeptiert und jeder Moment als neu wahrgenommen. In dieser Haltung werden Erinnerungen und erworbenes Wissen als Illusion entlarvt. Neues entsteht nicht mit den Mitteln des Alten - die Illusion des Wissens führt also dazu, dass das dringend benötigte Neue nicht entstehen kann. Der 'Anfängergeist' ist der erste Schritt zu einer neuen Kultur, die den ganzen Menschen einlädt und sein Potential weckt: wer sich leer macht, schafft Platz für das Neue.

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